die summe einzelner teile

 

mai 2012, kinetische installation,

ca. 1300 x 130 x 15 cm,

motoren, trägerflächen, schwarze kunststoffbalken
anläßlich der Lange Nacht der Museen Bremen

 

 

 

 

 

"Die Fassade als reiner Ausdruck des Inneren" (Hans Scharoun).

 

 

In der ehemaligen Ostertorwache, einem von Moritz Stamm (1794–1843) erbauten klassizistischen Torhausbau, wurde 1971 das Gerhard-Marcks-Haus eröffnet als ein Ort für diewissenschaftliche Betreuung und Präsentation des künstlerischen Nachlasses vonGerhard Marcks (1889–1981), aber

auch als Stätte für die Auseinandersetzung mitmoderner und zeitgenössischer Bildhauerei.

Das Gebäude besteht aus einem Haupthaus mit markantem Portal in zentraler Mittelachse, dessen durch Stufen erhöhter Säulenportikus ein Spitzgiebel bekrönt. Bei genaueren Betrachten des Eingangsportals fällt besonders der Architrav, ein zurückgesetzter Raumzwischen dem oberem Säulenabschluss und dem Tympanon auf. Dieser Bereich leitet vonder aufwärts strebenden Bewegung der Säulen zum horizontalen Bereich des Lastens überund übernimmt damit eine entscheidende optische und architektonische Funktion innerhalb der Fassade.

Der künstlerische Eingriff setzt genau an diesem architektonisch sensiblen Bereich an: Dem mit klassischen Triglyphen gestalteten Zwischenraum wird sein Motiv genommen und dessen Struktur in Einzelteile aufgelöst. Dafür wird der Architrav verblendet und die  in den Triglyphen verwendete Stabform durch frei rotierende Stäbe ersetzt. Mit dieser künstlerischen Setzung gerät nicht nur das architektonische Gerüst der Fassade ins Wanken, sondern es wird gleichzeitig die Objekthaftigkeit des strukturellen Motivs bewusst gemacht, und somit die Möglichkeit eröffnet, über sich hinauszu-weisen. Dies ist besonders wichtig im Hinblick auf die Fassade als einem entscheidenden Schnittpunkt zwischen Innen und Außen, oder wie Hans Scharoun es formulierte:


„Die Fassade als reiner Ausdruck des Inneren“.

Bewegung + Struktur ermöglichen die Erfahrung von dem Innen und dem Außen. Bewegung + Ruhe bilden ein Gegensatzpaar, sie definieren sich wechselseitig. Durch die Bewegung wird die auf ihren Objektcharakter reduzierte Struktur wiederholt. Die in Bewegung erzeugte Differenz und Wiederholung, ermöglicht ein Erkennen der künstlerischen Struktur. Das Begreifen der Fassade, als das Äußere des Gebäudes, legt somit einen Zugang für das Verständnis vom Inneren des Gebäudes: Ein Schwanken zwischen Ruhe und Bewegung, Motiv und Struktur, Realität und Illusion.